Ready for Take-off
“Kanadisch für Spione” wird als Fortsetzungsroman in der unsichtbaren Bibliothek veröffentlicht. Dies ist bereits der dreißigste Teil. Wenn Du die Geschichte von Anfang an lesen möchtest, dann klicke bitte hier.
Ready for Take-off (Fortsetzung)

Teil 30 von Kanadisch für Spione
Wenige Meter weiter ließ eine Tür mit Glasfenster den Blick auf einen Aufenthaltsraum für das Flughafenpersonal frei. Ein Blick in die Normalität, fleißige Arbeiter, die ihre wohl verdiente Pause hatten. Drei Stewardessen standen um einen Süßigkeitenautomaten und ihr Gespräch drang durch die Tür gedämpft an Meiers Ohr:
Erste Stewardess: „Kastanien hatt’ eine Pilotenfrau im Schoß. Und schmatzt und schmatzt. ‚Gibt mir!’ sprach ich, doch die vollgefressene Schlampe schrie: ‚Pack dich, du Hexe!’. Ihr Mann ist nach Aleppo, er fliegt die Air-Force-One. Ich flieg’ ihm nach auf einem Stein, ich kann’s, wie eine Ratte ohne Schwanz. Ich tu’s, ich tu’s, ich tu’s.“
Zweite Stewardess: „Gib dir `nen Wind.“
Erste Stewardess: „Bist gut gesinnt.“
Dritte Stewardess: „Ich den zweiten obendrein.“
Erste Stewardess: „All die andern sich schon mein. Wo sie wehn, die Küsten kenn ich. Jeden Punkt und Zirkel nenn ich, auf des Piloten Radar-Bildschirm. Dürr wie Paris Hilton soll er verdorrn, und kein Schlaf, durch meinen Zorn, Tag und Nach sein Aug’ erquickt, leb’ er wie vom Fluch gedrückt.“
Ein merkwürdiges Gespräch, dachte Meier. Aber er fühlte sich nun unbekümmert, frei, ja, er fühlte sich stark. Mit federnden Gang machte er sich auf den Weg zum Flugzeug.
In Annas kleinen Fachwerkhäuschen war ein heiliges Chaos ausgebrochen. Heiliges Chaos nannte Anna den Zustand, den eine Wohnung erreicht, nachdem sie die Phasen von unaufgeräumt, durcheinander, ein ziemliches Chaos, Chaos und heilloses Chaos durchlaufen hatte. In allen Zimmern hatte sich Stapel mit Kleidungstücken, Büchern, dem „Notwendigsten“ an Kosmetik, Schuhen und Handtüchern gebildet. Anna warf einen kritischen Blick auf ihre zweibändige Wörterbuchausgabe französisch-deutsch und dann auf ihre Ansammlung an Bodylotions, Feuchtigkeitscremes, Nachtcremes, Sonnencremes, Handcremes und Fußnagelbett-weißfärbe-Cremes. Nun gut, 20 Kilo Gepäck in maximal zwei Koffern plus das bereits von Jutta belegte Handgepäck könnten knapp werden. Anna entschloss sich, zur Sicherheit erstmal die einzelnen Gepäckhaufen zu wiegen und dann über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Sie wog das „Notwendigste“ an Schuhen auf der Küchenwaage ab. Dann schnappte sie sich ihre Jacke und ging zur Post, um jede Menge große Pakete zu kaufen. Sie sah etwas besorgt auf die Uhr. Schon in zehn Stunden fuhr ihre S-Bahn zum Flughafen und eigentlich hatte sie noch nicht einmal angefangen zu packen.
In diesem Augenblick überquerte der Flieger mit Meier, März und Gruber in Reiseflughöhe das beschauliche Fachwerkhäuschen. Die kanadischen Behörden waren informiert und dieses Mal konnte gar nicht schief gehen. Meier stand vor dem größten Triumph seiner Karriere und feierte ihn bereits mit einem Glas Tomatensaft. Mit Tabasco, versteht sich. Und dazu eine der Tabletten. Als Meier aus dem Fenster schaute, segelte ruhig ein rose Elefant neben dem Flugzeug. Alles war in bester Ordnung, fand Meier.
Jutta war unkooperativ. Nun saß sie unter der Truhe im Wohnzimmer und krallte sich mit der Macht der achtzehn Katzenkrallen im weichen Holz fest. Und die Uhr tickte unaufhörlich weiter. Die S-Bahn zum Flughafen fuhr in drei Stunden und das Gepäckstück „Nummer 1“ verlegte sich vom Fauchen auf ein bedrohliches Knurren. Anna wagte einen Blick unter die Truhe und überlegte, ob sie die Herstellerfirma des Beruhigungsmittels für gestresste sensible Samtpfoten verklagen sollte. Die Dosierungsanleitung besagte, „hyperaktiven und zu häuslichen Fehlverhalten neigenden Katzen“ jeweils nach den Mahlzeiten drei Tabletten zu verabreichen. Mit einem geschickten Wurf könnte sie vielleicht zumindest eine Tablette in Juttas Rachen platzieren. Anna legte sich flach auf den Boden, um einen guten Blick auf Jutta zu haben. Wenn es darauf ankam, konnte Jutta übrigens mit geschlossenem Mund fauchen.
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