Jul
31
2010

Montreal

“Kanadisch für Spione” wird als Fortsetzungsroman in der unsichtbaren Bibliothek veröffentlicht. Dies ist bereits der fünfunddreißigste Teil. Wenn Du die Geschichte von Anfang an lesen möchtest, dann klicke bitte hier.

Montreal (Fortsetzung)

Teil 35 von Kanadisch für Spione

Teil 35 von Kanadisch für Spione

In der Einsatzzentrale am Flughafen Montreal roch es nach abgestandener Luft. Ein seltsamer Geruch, der sich schwer beschreiben ließ. Es roch nach Plastik mit einer Note verrotteter Maus, nach schalem Kaffee und nach altem Schweiß. Es roch auch nach Farbe, nach Zigarettenrauch und nach nassem Hund. Als er sich auf einen grauen Kunststoffstuhl an einen grauen Tisch setzte und durch das verschmutzte Fenster nach draußen aufs Rollfeld schaute, fühlte sich Meier kurz an seine Schulzeit erinnert. Dieser Geruch. Auch eine Niederlage – aber nicht so schlimm wie Genua. In Genua hatte es salzig und fischig gerochen. Wenn er an den leichten Wind zurückdachte, der seinen Mantel vor dem Palazzi dei Rolli erfasst hatte, bevor, nun ja. Meier tätschelte unwillkürlich die Brusttasche seines Hemds, als ihm Blumfontaine einen Kaffee in einer gräulichen Tasse servierte. Meier nahm den Kaffee und wollte einen Schluck trinken, überlegte es sich dann aber anders. Eine Geruchsquelle schien damit geklärt. Die Tablette würde er auch ohne Getränk herunterbekommen.

„Haben Sie was gesagt“, fragte Blumfontaine.
„Wer ich? Nein.“
„Ach so, na dann.“
Cyrillus würde in den frühen Morgenstunden eintreffen. Ihm blieb also nur die Stunde des Wolfes, die späte Nacht, wenn die Kräfte am Ende sind, um sich vorzubereiten. So oder so, zum Frühstück würde er triumphieren.

Blumfontaine kramte umständlich und langsam in seiner abgegriffenen Aktentasche. Er holte verschiedene Ordner heraus, betrachtete sie eingehend und entschloss sich dann, die Ordner wieder wegzupacken.
„So,“ begann er, „es sind Fakten, die in der ägyptischen Nacht leuchten wie eine Sternschnuppe. Ein kurzes Blitzen, das alles erhellt und die Erhabenheit der Szenerie zeigt.“
„Haben Sie was gesagt?“, fragte nun März, der zwischenzeitlich eingeschlafen war. Dank der Socke hatte er im Flugzeug kein Auge zugemacht.
„Wer ich?“, fragte Blumfontaine. Er pausierte kurz. „Nein“.

Meier strafte März mit einem wenig wohlmeinenden Blick und kommentierte seinen Schlaf während der Arbeitszeit mit den Worten Heinrich Leutholds:
„Komm, ambrosische Nacht, ströme dein Silberlicht
Weich und träumerisch aus über das ew’ge Meer!
Wieg in seligen Frieden
Dieses müdgehetzte Herz!
Spinnst du wieder, wie einst, lieblicher Gott des Traums,
Goldne Fäden um mich?“
März, der allerdings wenig von der Muse geküsst wurde, schaute ihn nur befremdet an.

„Haben Sie was gesagt?“, fragte nun Gruber, der skeptisch seinen Kaffee betrachtete.
„Wer ich? Nein.“
„Ach so, na dann.“
Meier räusperte sich. „Verehrter Kollege Blumfontaine, Sie wollten uns so eben die Fakten zu diesem Fall erläutern.“
„Wer ich?“
„Ja, Sie.“
„Die Fakten sind der Schlüssel zum Geschehen. Nur wer die Fakten kennt, wird diesen Fall lösen können.“
„Er ist schon gelöst.“
„Was? Wer?“
„Der Fall. Der Fall ist gelöst. Es geht hier um den Zugriff.“
„Fakt ist, dass der reine Besitz eines kopierten Kunstwerkes in Kanada kein Straftatbestand ist. Fakt ist, dass eine nicht vorbestrafte EU-Bürgerin lediglich für einen Universitätsaufenthalt in unser Land einreist. Fakt ist, dass Sie bisher keine Fakten geliefert haben.“
„Cyrillus trifft sich hier mit einem international gesuchten Kunstfälscher! Der Chinese ist ein richtig dicker Hai, kein kleiner Fisch!“
„Ja, der Chinese. Oder Koreaner. Oder Japaner? Wer weiß das schon. Fakt ist, dass er in zehn Minuten hier ankommen wird.“
„Was?“, Meier sprang von seinem Stuhl auf und schüttete dabei den Kaffee um. Er holte ein Taschentuch aus seiner Jackettasche und versuchte den Kaffee davon abzuhalten auf den Teppich zu tropfen.
„Verzeihung. Nun, wo war ich?,“ fragte Meier.
„Bei WAAAAS, glaube ich.“
„Aber es kommt doch vor morgen früh kein Flug mehr aus Deutschland an.“
„Kein Direktflug. Der Verdächtige kommt über Paris.“
„Wir müssen sofort los.“
„Nein. Fakt ist, dass der Chinese EU-weit gesucht wird, in Kanada aber derzeit nichts gegen ihn vorliegt. Trotzdem,“ hier machte Blumfontaine eine Pause, „sehen unserer Polizeibehörden die Aktivitäten des Chinesen mit einiger Besorgnis. Wir werden ihn überwachen lassen.“
„Aber“ begann Meier.
„Selbstverständlich dürfen sie die Überwachung hier am Monitor verfolgen. Noch jemand Kaffee?“

<< zurück (zurück zu Teil 34)                                                    (weiter zu Teil 36) weiterlesen >>

Bitte beachte die Nutzungshinweise zu diesem Text.

Dein Kommentar:


Zum Schutz gegen Spam:

Was ist 13 + 11 ?
Please leave these two fields as-is: