Mrz
01
2009

Kein Schwein ruft mich an

“Kanadisch für Spione” wird als Fortsetzungsroman in der unsichtbaren Bibliothek veröffentlicht. Dies ist bereits der zwölfte Teil. Wenn Du die Geschichte von Anfang an lesen möchtest, dann klicke bitte hier.

Kein Schwein ruft mich an (Fortsetzung)


Teil 12 von Kanadisch für Spione

Teil 12 von Kanadisch für Spione

Obwohl der Tag eigentlich kühl war, liefen dem Dünnen Schweißperlen von der Stirn über die Nase. Dort bildeten sie einen schimmernden Tropfen, der in unregelmäßigen Abständen auf seine Jacke fiel. Ihn hatte eine Unruhe erfasst, die ihn nicht still stehen ließ. Immer wieder schaute er sich um, so als ob in dem dunklen, kühlen Wald der böse Wolf lauern würde. Der Dünne wusste, dass es den Wolf nur im Märchen gab. Dagegen war der Chinese sehr real und er würde ob der Donuts bestimmt verärgert sein. Sagte man nicht, der Mensch wäre des Menschen Wolf?

Der Chinese kam in einer dunklen Limousine mit getönten Scheiben. Der Wagen ruckelte auf dem holprigen Waldweg und schlug Haken wie ein vom Bussard verfolgtes Kaninchen. In diesem tanzenden Gefährt war es nicht leicht, Würde und Autorität zu wahren. Aber der Chinese hatte Prinzipien: Er aß nie rohes Gemüse und er fuhr zu geheimen Treffen in einer gepanzerten Limousine. Ein Geländewagen wäre undenkbar. Bevor er ausstieg, rückte er sein schwarzes Jackett über seinem schwarzen Hemd zurecht und setzte eine verspiegelte Sonnenbrille auf.

„Donuts?“, die Stimme des Chinesen klang gar nicht ungehalten. Sie klang kühl. Das machte die Sache nicht gerade besser, dachte der Dünne.
„Ja, Donuts mit Vanillecreme und Zuckerherzen.“
Irgendwo im Wald sang ein Vogel fröhlich sein Lied. Der Chinese hob die linke Hand und krümmte zwei Finger. Mr. Smith stieg aus der Limousine. Der Vogel verstummte. Mr. Smith war zwischen zwanzig und sechzig Jahren alt, trug einen gewählt durchschnittlichen Anzug und hatte ein Allerweltsgesicht. Er wirkte wie ein entfernter Bekannter aus der Nachbarschaft: nett, unauffällig, langweilig, uninteressant. Smith sagte kein Wort, er stellte sich stumm neben den Chinesen. Der Vogel flatterte davon.

„Können wir Donuts mit Vanillecreme und Zuckerherzen organisieren?“, fragte der Chinese. Fast im Flüsterton antwortete Smith „Donuts fallen in das Gebiet von Luigi, dem Italiener. Es wäre unklug, zum gegebenen Zeitpunkt …“
„Können wir Donuts organisieren?!“
„Der Japaner ist sehr kreativ mit orthodoxen Ikonen, aber … wir brauchen Jim, den Kanadier.“
„Wo ist Jim?“
„Bei Luigi.“
Der Chinese musterte den Dünnen abschätzig. Er sah bleich, ja geradezu fahl aus. Die Schweißtropfen hatten einen kleinen Fleck auf seiner Jacke gebildet. Er bewegte sich unsicher, linkisch, ängstlich; eine peinliche Erscheinung.

Dann nahm der Chinese die Sonnenbrille ab und sagte „Bestätigt dem Kunden die Lieferung der Donuts, es wird allerdings einige Wochen dauern. Und sagt Fritz, dass er aus dem Geschäft ist. Er soll das Paket verschwinden lassen.“

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