Aug
02
2009

Seelenqualen

“Kanadisch für Spione” wird als Fortsetzungsroman in der unsichtbaren Bibliothek veröffentlicht. Dies ist bereits der achtzehnte Teil. Wenn Du die Geschichte von Anfang an lesen möchtest, dann klicke bitte hier.

Seelenqualen (Fortsetzung)


Teil 18 von Kanadisch für Spione

Teil 18 von Kanadisch für Spione

Meier seufzte. Es würde so werden wie in Genua. Er verlor wieder die Kontrolle. Wie hatte Luigi Wind von der Sache bekommen? Meier wusste jetzt, was er sich in Genua nicht hatte eingestehen wollen: Er war dem Agentendasein nicht gewachsen. Er war ein Angsthase. Und ein schlechter Agent. Er hätte die Konkurrenz des Chinesen überwachen sollen. Dass Luigi auftaucht, hätte er wissen müssen. Und Cyrillus war geschickt. Als das Geschäft mit dem Chinesen durch Luigi bedroht wurde, hatte sie ihn beseitigt. Er war einem kriminellen Genie auf der Spur und machte sich dabei in die Hosen. Meier setzte sich auf sein Bett, zog das Telefon zu sich heran und rief den, nun ja, den Doktor an.

Die Einreisebestimmungen für Kanada waren ernüchternd. Jutta würde sechs Monate in Quarantäne müssen. Sechs Monate Katzenknast würden sicherlich Juttas Depressionen verschlimmern. Sie würde sich die kleine Tierseele aus dem Leib kotzen oder für immer unsauber bleiben. Es musste einfach noch eine andere Lösung geben. Als Anna am Abend ihre Rosen goss, sah sie ein zusammengerolltes Blatt. Es war unter einem gesunden Blatt nur schwer zu sehen. In diesem Blatt befanden sich Blattläuse. Jede Menge Blattläuse. Sie waren bei den letzten Rosenkontrollen wohl übersehen worden. Und Anna wusste plötzlich, dass sie nicht nur einen Tabaksud zur Blattlausbekämpfung brauchen würde, sondern auch einen Koffer mit doppelten Boden. Wie die Blattlaus bei der Rosenkontrolle würde Jutta ungesehen durch den kanadischen Zoll schlüpfen und sowohl die arme Katzenpsyche als auch das Auslandsemester waren gerettet.

Jim, der Kanadier, der jahrelang in amerikanischen Großstädten gelebt hatte, sah sich besorgt um. Es war kein gutes Zeichen, dass niemand außer ihm auf der Straße unterwegs war. Er hatte gehört, dass Luigi plötzlich und unerwartet an drei Gramm Blei verschieden war und vielleicht versuchte Pavel auch ihn aus dem Weg zu schaffen. Es war in der Fälscherbranche immer gefährlich, den Arbeitergeber zu wechseln. Meistens konnte man noch nicht einmal die erworbenen Rentenansprüche mitnehmen. Auf der anderen Seite machte Mr. Smith einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Ein netter, durchschnittlicher Kerl. Er schien vom Geschäft allerdings nicht viel zu verstehen: Mit den grell-kitschigen Ikonen der amerikanisch-orthodoxen Schule konnte man kaum Geld machen. Nur einige weniger konservative Gemeinden in Sibirien waren derzeit scharf auf so was. Die ehemaligen Kommunisten dort kauften alles, was irgendwie amerikanisch wirkte. Seltsam, dass der Schrott dort so beliebt war, wo die doch kaum Geld fürs Essen hatten. Jim erinnerte sich genau an einen Bericht über Ostsibirien auf dem Discovery Channel. Alte Frauen mit Kopftuch und bunten Kleidern, die Kohlgemüse in den wenigen eisfreien Wochen anbauten. Jim schaute sich erneut um. Er wurde das Gefühl nicht los, dass man ihm folgte.

Fritz, der Deutsche, wusste nicht, welches Spiel hier gespielt wurde. Aus dem lukrativen Deal war für ihn eine Pleite geworden. Aber so leicht ließ er sich nicht ausbooten. Schließlich hatte er einige Ausgaben gehabt, um das Paket in Spanien bei dem Japaner abzuholen. Von dem Ärger mit dem südafrikanischen Zoll ganz zu schweigen. Vielleicht war da auf eigene Rechnung noch was zu reißen. Es gab Gerüchte, die Russen wollten das Deutschlandgeschäft komplett an sich ziehen. Für etwas mehr Geld gab es Gerüchte, Jim, Luigis ehemaliger Ikonenmaler, würde Handwerkszeug erstehen. Wenn Jim eine neue Ikone malen sollte, so musste auch die neue gefälschte Original-Ikone früher oder später an den Sachverständigen geliefert werden. Der Weg zum Käufer führte über die Ikone und somit erst mal über Jim. So leicht ließ er sich nicht aus dem Geschäft drängen. Schließlich hatte er jahrelang den gefährlichen Schmuggel der Ware aus Spanien organisiert und der Chinese hatte das große Geld verdient. Fritz bezog einen Platz im Café gegenüber, als Jim sein Hotel betrat.

Nachdem Mr. Smith gegangen war, räusperte sich der Dünne. Aber der kleine Dicke schaute nur wortlos aus dem Fenster des blauen Kleinwagens. Es war wieder einer dieser hoffnungsvollen Frühlingstage, die einen warmen Sommer, laue Nächte und eine heiße Liebe versprachen. Die Vögel zwitscherten fröhlich und der Dicke und der Dünne saßen mit der Leiche von Luigi im Auto und schauten zum Fenster hinaus. Erstaunlich, dachte der Dünne, so lange Mr. Smith in der Nähe war, hatten die Vögel geschwiegen. Mr. Smith war schlimmer als der Chinese. Er hatte gelächelt, als er den toten Luigi sah.
„Wie beseitigt man eine Leiche?“
„Nun stell dich nicht wie ein blutiger Anfänger an.“
„Gut, wie beseitigt man professionell eine Leiche?“
„Wir lassen ihn einfach hier, auf dem Parkplatz.“
„Und das ist professionell?“
Es gibt einen guten Grund, warum gewiefte internationale Schwerkriminelle Leichen im Kofferraum verstauen. Es liegt nicht an der mangelnden Achtung vor dem Tod, sondern an der Leichenstarre. Hat die erst einmal eingesetzt, ist es nur unter Schwierigkeiten möglich, einen Toten von der Rückbank eines zweitürigen Kleinwagens zu bekommen. Und so entschieden sich der Dünne und der Dicke gegen den Parkplatz. Stattdessen fuhren sie erst einmal noch ein wenig mit Luigi herum.

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